Zum Inhalt springen
Pillar-Guide14 Min. LesezeitAktualisiert 15. April 2026

IMDG-Code: Gefahrgut-Seefracht richtig verpacken, deklarieren und verschiffen

Der operative Leitfaden zum IMDG-Code 2026: Klassifizierung, Verpackung, Kennzeichnung, Dokumentation, Stauung und Container-Zertifikate.

Gefahrgut zu See zu verschicken ist kein Nebenprodukt, sondern ein eigenes Regelwerk mit empfindlichen Sanktionen bei Fehlern. Der IMDG-Code (International Maritime Dangerous Goods Code) setzt die IMO-Vorschriften für alle Teilnehmer der Transportkette um – vom Versender über Packer, Spediteur, Reeder bis zum Hafen. Dieser Pillar ist der Handlungs-Cheat-Sheet für Praktiker.

IMDG-Code Amendment
Gültige Fassung: 41-22 (2024/2025), 42-24 ab 2026 optional
9 Gefahrgutklassen
plus Unterklassen 1.1–1.6, 2.1–2.3, 4.1–4.3, 5.1–5.2, 6.1–6.2, 7 A–C
Verpackungsgruppen
I (hohe Gefahr), II (mittel), III (gering)
Pflicht-Dokument
Multimodal Dangerous Goods Declaration (MDGD)
CTU-Pack-Zertifikat
Container Packing Certificate nach IMDG 5.4.2

01Gefahrgutklassen und UN-Nummern

Der IMDG-Code gliedert Gefahrgüter in 9 Klassen (teils mit Unterklassen):

  • Klasse 1: Explosive Stoffe und Gegenstände (1.1–1.6)
  • Klasse 2: Gase (2.1 entzündbar, 2.2 nicht entzündbar, 2.3 giftig)
  • Klasse 3: Entzündbare flüssige Stoffe
  • Klasse 4: Entzündbare feste Stoffe (4.1), selbstentzündlich (4.2), in Berührung mit Wasser entzündbar (4.3)
  • Klasse 5: Oxidierende Stoffe (5.1) / Organische Peroxide (5.2)
  • Klasse 6: Giftige (6.1) / Ansteckungsgefährliche (6.2) Stoffe
  • Klasse 7: Radioaktive Stoffe
  • Klasse 8: Ätzende Stoffe
  • Klasse 9: Verschiedene gefährliche Stoffe (inkl. Lithium-Batterien, magnetisierte Stoffe, Umweltgefährdende Stoffe)

Jedes Gefahrgut hat eine UN-Nummer (vierstellig) und einen offiziellen Versandnamen. Diese Kombination bestimmt Verpackungs-, Kennzeichnungs-, Stauungs- und Segregationsregeln. Die Dangerous Goods List (Kapitel 3.2 IMDG) ist die zentrale Nachschlagetabelle.

02Verpackung, UN-Verpackungscodes und Verpackungsgruppen

Gefahrgut darf nur in UN-geprüften Verpackungen verschickt werden. Die UN-Verpackungscodierung (z.B. 4G/Y20/S) verschlüsselt Verpackungsart, Werkstoff, Baumuster, Prüfdichte und Baujahr. Wichtige Codes:

  • 1A1: Stahlfass nicht abnehmbar
  • 1H1: Kunststofffass nicht abnehmbar
  • 3H1: Kunststoffkanister nicht abnehmbar
  • 4G: Pappschachtel
  • 4H2: Kunststoffkiste
  • 6HA1: Kunststoffinnengefäß in Stahlhülle

Die Verpackungsgruppe (PG I, II oder III) bestimmt die Fallhöhe im Test, Stapeldruck, Dichtheit. PG I (hoch) erfordert robusteste Verpackungen, PG III (gering) ist am einfachsten. Die richtige Kombination aus UN-Code und PG ist Pflicht – ein falscher Code kann in der Haftungskette zur kompletten Frachtverweigerung führen.

03Kennzeichnung, Gefahrzettel und Versandstück-Beschriftung

Jedes Versandstück muss folgende Informationen tragen:

  • UN-Nummer mit Präfix "UN" (z.B. UN 1263)
  • Offizieller Versandname (Proper Shipping Name)
  • Gefahrzettel (Danger Label) 10×10 cm, bei Haupt- und Nebengefahren
  • Orientierungspfeile bei Flüssigkeiten
  • Umweltgefährdend-Symbol ("Marine Pollutant") bei relevanten Stoffen
  • Absender- und Empfängerangaben

Container tragen Grosszettel (Placards) 25×25 cm und UN-Nummer-Tafel, zusätzlich eine "Marine Pollutant"-Mark, falls Stoffe umweltgefährdend sind. Bei Tankcontainern kommen spezifische Tankplaketten (UN-Tanktafel mit Kemler-Zahl und UN-Nummer) dazu.

04Dokumentation: MDGD, CTU-Zertifikat und SDS

Der Dokumenten-Set für Gefahrgut See umfasst:

  • Multimodal Dangerous Goods Declaration (MDGD): Das zentrale Shipper-Dokument, in dem der Versender UN-Nummer, Versandname, Klasse, PG, Menge, Verpackung, Notfallmassnahmen etc. deklariert. Muss vom Shipper oder beauftragter Person unterzeichnet sein.
  • Container/Vehicle Packing Certificate (CTU-Pack-Zertifikat): Bestätigt ordnungsgemässes Stauen, Sichern und Trennung im Container gemäss IMDG 5.4.2 / CTU-Code.
  • Sicherheitsdatenblatt (SDS) / Safety Data Sheet: Chemiesicherheits-Dokument des Herstellers (REACH). Kein Frachtpapier, aber oft Grundlage für die MDGD.
  • Notfallpläne / EmS: IMDG-spezifische Schiffs-Notfallverfahren (EmS F-A bis F-Z für Feuer, S-A bis S-Z für Austritt).

Die Verantwortung liegt gestaffelt: Versender haftet für Deklaration, Packer für Staunung, Spediteur für Dokumentenprüfung, Reeder für Beförderung. Bei Fehlern in der MDGD drohen Strafen zwischen 2.000 und 250.000 EUR, im US-Bereich auch weit mehr.

05Stauung, Segregation und Kompatibilität

Im Seeschiff werden Gefahrgüter nach Stauungskategorien A–E auf oder unter Deck verladen, abhängig von Klasse, Passagier-Mitführung und Meeresverschmutzungsgefahr. Die Segregation definiert, welche Klassen in welchem Abstand gelagert werden dürfen:

  • "Away from": mind. 3 m getrennt
  • "Separated from": getrennte Laderäume, bei Deckverladung 6 m
  • "Separated by a complete compartment or hold": zusätzliche Trennräume
  • "Separated longitudinally": Längstrennung des gesamten Schiffsraums

Die Segregationstabelle (IMDG 7.2.4) ist das zentrale Nachschlagewerk. Bei mehrfachen Gefahrklassen einer Sendung gilt die strengste Regel. Für Container-Schiffe übernimmt die Reederei die Stauplanung, prüft aber anhand der übermittelten Deklarationen – Fehlangaben können zu Umladungen am ersten Hafen und Demurrage führen.

06Häufige Fehler und Zwischenfälle

Top-5-Ursachen für IMDG-Zwischenfälle und Ablehnungen:

  1. Fehlklassifizierung: Lithium-Batterien als "Batterie" statt UN 3480/3481/3090/3091 deklariert.
  2. Falsche Verpackung: 4G-Karton für PG II statt 4GV erforderlich.
  3. Missing Marine Pollutant: Umweltgefährdende Stoffe ohne korrekte Kennzeichnung.
  4. Undeklarierter "Hidden DG": Parfüm, Spraydosen, Batterien in E-Com-Sendungen.
  5. Unterzeichnung der MDGD durch Nicht-Berechtigte: häufige Ursache für Ablehnung am Gate.

Prävention: Gefahrgutbeauftragter (DGSA) bestellt, jährliches Training, elektronisches Pre-Advice-System für die Reederei, Audit der Verpacker. Hausaudits bei Packern mit vielen Ausnahmen zahlen sich aus.

Häufige Fragen

Wer darf die MDGD unterschreiben?
Die MDGD unterzeichnet der Versender oder eine von ihm beauftragte und geschulte Person (z.B. Gefahrgutbeauftragter). Die Person muss fachkundig sein (IMDG-Schulung, ggf. DGSA-Zertifizierung) und darf nicht nur formell, sondern inhaltlich die Deklaration vertreten. Eine Unterzeichnung durch eine ungeschulte Sachbearbeiter-Person ist ein häufiger Compliance-Verstoss.
Wie werden Lithium-Batterien korrekt verschickt?
Lithium-Batterien sind Klasse 9 mit sehr detaillierten UN-Nummern: UN 3480/3481 (Li-Ionen einzeln/in Geräten), UN 3090/3091 (Li-Metall), UN 3171 (elektrisch betriebene Geräte). Je nach Wattstunden, Verpackung und Prüfstatus (UN 38.3) gelten reduzierte Vorschriften. Falschdeklaration zieht hohe Bussgelder und ist eine häufige Brandursache an Bord – Reedereien filtern Container zunehmend mit Screening-Technologie.
Was ist der CTU-Code und welche Rolle spielt er?
Der CTU-Code (IMO/ILO/UNECE) ist der Verhaltens-Kodex für das Packen von Frachtcontainern. Er ist keine Gesetzesnorm, aber häufig vertragsbasis in B/L-Konditionen und Versicherungspolicen. Bei Gefahrgut verweist das CTU-Pack-Zertifikat (IMDG 5.4.2) auf seine Anwendung. Versender und Packer müssen ihn kennen und umsetzen.
Was ändert sich mit IMDG 42-24?
IMDG 42-24 (ab 2026 optional, ab 2027 verbindlich) bringt u.a. Anpassungen bei Lithium-Batterie-Tests, neue Prüfstandards für nachgefüllte Druckgas-Verpackungen, Aktualisierungen bei der Dangerous Goods List (neue UN-Nummern) und klarere Regelungen zu Cybersicherheit elektronischer Meldungen. Jede Amendment-Nummer ist parallel zur Vorgängerversion für ein Jahr zulässig.
Brauche ich einen Gefahrgutbeauftragten (DGSA)?
Ein DGSA (Dangerous Goods Safety Adviser) ist in der EU und vielen Staaten verpflichtend, wenn ein Unternehmen Gefahrgut versendet, verpackt, umschlägt, transportiert oder entlädt. Ausnahmen greifen nur für sehr kleine Mengen/gelegentliche Beförderungen. Ohne DGSA drohen Busgelder und im Schadensfall strafrechtliche Haftung. Externe DGSAs sind eine übliche Lösung für KMU.

Themen

IMDGGefahrgutSee-GefahrgutUN-NummerVerpackungsgruppeMDGDCTU-Pack-ZertifikatDGSALithium-BatterienMarine Pollutant

Weiterführende Ressourcen