Solarmodule auf Lkw, Lieferwagen und Anhängern galten lange als nette Idee mit begrenztem Nutzen. Das europäische Forschungsprojekt SolarMoves zeigt nun, dass die Technik für die Logistik deutlich relevanter sein kann als bisher angenommen. Besonders bei E Lkw, Trailern, Kühltransporten und Hilfsaggregaten sehen die Forschenden messbares Potenzial.
Im Projekt SolarMoves untersuchten TNO, Fraunhofer ISE, Sono Motors, IM Efficiency und Lightyear im Auftrag der Europäischen Kommission, wie viel Energie Fahrzeuge selbst erzeugen können, wenn Solarmodule direkt in Dächer, Motorhauben oder Seitenflächen integriert werden. Diese Technologie wird als Vehicle Integrated Photovoltaics bezeichnet, kurz VIPV.
Die Studie basiert auf Daten von 23 verschiedenen Fahrzeugtypen, vom kompakten Stadtfahrzeug bis zum schweren Lkw. Zusätzlich wurden Messdaten von 1,3 Millionen gefahrenen Kilometern ausgewertet und mit Meteosat Satellitendaten sowie Wetterdaten aus Amsterdam und Madrid kombiniert. Damit ging es nicht nur um Laborwerte, sondern um ein möglichst realistisches Bild für den Einsatz auf der Strasse.
Für die Transportbranche ist vor allem ein Ergebnis spannend: Bei Elektro Lkw kann VIPV die tägliche Reichweite um bis zu 15 Prozent erhöhen. Das löst nicht jedes Ladeproblem, kann aber im Alltag genau dort helfen, wo ein Fahrzeug knapp an der nächsten Tour, am nächsten Ladefenster oder an der nächsten Dispositionsgrenze scheitert.
Noch grösser wirkt das Potenzial bei Anhängern. Laut den Projektergebnissen können Lkw Trailer im Sommer bis zu 55 Kilowattstunden pro Tag erzeugen. Werden zusätzlich die Seitenwände mit Solarmodulen ausgestattet, steigt der mögliche Ertrag auf 90 bis 110 Kilowattstunden pro Tag. Diese Energie kann unter anderem für Kühlaggregate, Hydrauliksysteme, Heizung oder andere Nebenverbraucher genutzt werden.
Damit wird Solar auf Nutzfahrzeugen nicht nur zum Thema für E Lkw. Auch Diesel Lkw können profitieren, wenn Nebenaggregate weniger Kraftstoff benötigen. Gerade Kühltransporte sind hier interessant, weil Kühlaggregate im Betrieb viel Energie brauchen und oft separat laufen. Wenn ein Teil dieser Energie direkt vom Trailer kommt, sinken Verbrauch, Emissionen und Betriebskosten.
Auch auf Systemebene ist das Thema relevant. Die Forschenden berechneten, dass der Strombedarf aus dem europäischen Netz im Jahr 2030 um 15,6 Terawattstunden sinken könnte, wenn alle Neufahrzeuge zwischen 2024 und 2030 mit integrierter Photovoltaik ausgestattet würden. Fraunhofer ISE vergleicht diese Menge mit der Jahresproduktion von rund 2.200 Onshore Windkraftanlagen mit je 3 Megawatt Leistung.
Für Flottenbetreiber ist die Botschaft trotzdem nüchtern zu lesen. Solar auf dem Lkw Dach ersetzt keine Ladeinfrastruktur. Es ersetzt auch keinen sauberen Flottenplan, keine Depotladung und keine Energie Strategie. Aber es kann den Energiebedarf senken, Standzeiten besser nutzen und die Abhängigkeit vom Netz etwas reduzieren. Besonders interessant wird die Technik dort, wo Fahrzeuge viel draussen stehen, feste Touren fahren oder Nebenaggregate dauerhaft Energie brauchen.
Ein weiterer Punkt: Fahrzeuge und Anhänger bieten grosse Flächen, die heute häufig ungenutzt bleiben. Trailerdächer, Seitenwände und Aufbauten sind aus logistischer Sicht keine schönen Flächen, sondern Arbeitsflächen. Wenn sie Strom erzeugen, wird der Lkw nicht zum Solarkraftwerk im grossen Stil. Aber er wird effizienter. Genau darin liegt der praktische Wert.
Das Thema passt auch deshalb zur aktuellen Logistikdebatte, weil E Lkw nicht nur an Fahrzeugpreisen scheitern. In vielen Regionen geht es um Ladeleistung, Netzanschlüsse, Betriebshofkapazitäten, Zeitfenster und Tourenplanung. VIPV kann diese Probleme nicht alleine lösen, aber es kann den Druck etwas reduzieren. Für die Branche ist das weniger Science Fiction als ein möglicher Baustein in einem grösseren System.
