Bei der Strasse von Hormus weiss derzeit kaum jemand, was am nächsten Tag gilt. Fast täglich kommen neue Meldungen, Vereinbarungen und Gegendarstellungen.
Iran erklärte die Meerenge am 20. Juni erneut für geschlossen. Die iranischen Streitkräfte begründen dies mit Verstössen gegen das vorläufige Abkommen mit den USA und den erneuten Kämpfen im Libanon. Schiffe wurden gewarnt, sich der Meerenge nicht zu nähern.
Die USA stellen die Lage genau anders dar. Das US-Zentralkommando erklärt, Iran kontrolliere die Meerenge nicht und der internationale Schiffsverkehr laufe weiter. Für den 20. Juni meldeten die USA 55 Handelsschiffe und mehr als 17 Millionen Barrel Öl, die Hormus passiert hätten.
Wer hat nun recht?
Aus Sicht eines Spediteurs ist diese Frage fast zweitrangig. Entscheidend ist, ob eine Reederei das Risiko übernimmt, ob die Besatzung fahren darf und ob der Versicherer Deckung gibt.
Eine Meerenge muss nicht mit einer Kette versperrt sein, um für den kommerziellen Verkehr praktisch auszufallen. Bereits eine Warnung vor Angriffen, Minen oder Beschlagnahmungen reicht aus, damit Reedereien Fahrten verschieben und Versicherer hohe Zuschläge verlangen.
Die verfügbaren Schiffsdaten zeigen weiterhin einen stark eingeschränkten und unregelmässigen Verkehr. Je nach Tracker, Zeitraum und Erfassungsmethode unterscheiden sich die Zahlen allerdings deutlich. Eine exakte Zahl für den laufenden Tag sollte deshalb mit Vorsicht behandelt werden.
Klar ist: Von einem normalen und verlässlich planbaren Verkehr kann keine Rede sein. Einzelne Schiffe können passieren, während grosse Teile der kommerziellen Flotte die Route trotzdem meiden.
Das wirkt sich weit über den Persischen Golf hinaus aus. Öl- und LNG-Transporte werden teurer, Bunkerpreise reagieren empfindlich und Reedereien verlangen zusätzliche Risiko- oder Kriegszuschläge. Auch Lieferzeiten und verfügbare Kapazitäten bleiben schwer kalkulierbar.
Wichtig ist zudem: Die Strasse von Hormus und das Rote Meer sind zwei unterschiedliche Krisengebiete. Eine Beruhigung bei Hormus bedeutet nicht automatisch, dass Reedereien sofort wieder durch das Rote Meer und den Suezkanal fahren.
